Las-Vegas-Wunder: «Heiliger Jesus, spielen wir Eishockey?»

Las Vegas – Die Maßnahme war drastisch: Ab jetzt werden  Autogrammwünsche an die Eishockey-Stars der Vegas Golden Knights nur noch von Jugendlichen bis 14 Jahren akzeptiert.

«Die Kinder wurden von den Erwachsenen einfach weggeschubst. Wir mussten etwas ändern», erklärte Golden-Knights-Präsident Kerry Bubolz. «Es ist alles etwas aus dem Ruder gelaufen.»

Der Hype um das neue Team aus dem US-Bundesstaat Nevada kennt fast keine Grenzen. Und das nicht ohne Grund. Denn die im Sommer 2017 gegründete Mannschaft aus der nordamerikanischen Profiliga NHL stellt Rekord um Rekord auf. In der Nacht zum Mittwoch holten die Golden Knights beim 4:2 in Calgary ihren 33. Saisonsieg. Nur die Florida Panthers schafften es in ihrer Premieren-Spielzeit 1993/94 auf insgesamt 33 Erfolge zu kommen. Vegas hat jedoch noch 33 Spiele Zeit, die Bestmarke deutlich zu verbessern.

Im Oktober betrug die Quote für den Stanley-Cup-Sieg der Golden Knights noch 200:1. Jetzt, kurz nach der Hälfte der regulären Spielzeit, ist die Quote auf 7:1 gesunken. Kaum jemand zweifelt an der Playoff-Teilnahme – dies schaffte noch kein neues Team in der ersten Saison. «Was für ein Team. Was für eine Saison», schrieb NBC. «Wir haben die Ziele bereits jetzt schon weit übertroffen», erklärte Torhüter Marc-André Fleury.

Der in Pittsburgh aussortierte Fleury, dreifacher Stanley-Cup-Champ mit den Penguins, ist ein Beispiel für den fast märchenhaften Verlauf des Vegas-Teams. Am 21. Juli 2017, nur vier Monate vor Beginn der Saison, stellte der erfahrene General-Manager George McPhee in einem sogenannten Expansion-Draft die neue Mannschaft zusammen. Von jedem Liga-Konkurrenten durfte McPhee einen Spieler auswählen. Allerdings nicht aus der ersten oder zweiten Kategorie, die wurden geblockt. Las Vegas bekam also meist Profis aus der zweiten Reihe.

Diese sorgen bislang aber für großes Staunen in der Eishockey-Welt. Fleury hielt so gut, dass er ins Allstar-Team gewählt wurde. «Er spielt großartig. Die Mannschaft spielt großartig», schwärmte Penguins-Superstar Sidney Crosby über den neuen Kontrahent. Auch Alex Owetschkin, Topspieler der Washington Capitals, lobte: «Sie sind sehr, sehr schwer zu bezwingen. Sie sind alle enorm schnell.»

Überragende Einzelkönner hat Trainer Gerard Gallant nicht in seinen Reihen. Nur Jonathan Marchessault ist bei den Scorern als 25. unter den Top30. «Wir sind die am härtesten arbeitende Mannschaft der NHL. Wir fighten vorne und hinten», erklärte der Schweizer Luca Sbisa.

Vor allem in der heimischen Arena sind die Golden Knights eine Macht. Während früher oft die Zocker aus den Casinos enttäuscht die Stadt verließen, sind es nun meist die gegnerischen Eishockey-Teams. In 24 Partien gab es 19 Siege für die «goldenen Ritter». «Es ist dort eine unglaubliche Show, eine Party», stellte Owetschkin fest. «Es ist wie in einem Nachtclub. Alle tanzen. Es ist wie ‚Heiliger Jesus, spielen wir Eishockey oder ist das eine Poolparty da draußen?’» 

Still war es in der Arena allerdings vor dem ersten NHL-Heimspiel am 10. Oktober 2017. Neun Tage zuvor erschoss ein 64-Jähriger US-Amerikaner aus einem Hotelzimmer in Las Vegas 58 Menschen und verletzte knapp 850 Personen, allesamt Besucher eines Festivals. «Vegas strong», rief der in Las Vegas geborene Golden-Knights-Profi Deryk Engelland in einer bewegenden Ansprache vor dem Spiel. Die Mannschaft wurde noch mehr zu einer Einheit. Nach der Engelland-Rede jubelten die Zuschauer. Der Hallensprecher rief: «Lasst uns Geschichte schreiben.» Die Spieler folgten seinem Aufruf.

Fotocredits: David Becker
(dpa)

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