Ein UFO namens Super Bowl – Ortsbesuch in Atlanta

Atlanta – Die olympischen Ringe müssen sich normalerweise selten die Aufmerksamkeit teilen. Doch wer vor dem Super Bowl in der früheren Sommerspiele-Stadt Atlanta das ikonische Symbol am Osteingang des Olympiaparks finden will, braucht etwas Übersicht.

Auf dem 85.000 Quadratmeter großen Areal hat die NFL ihre Freiluft-Fanzone aufgebaut und es sieht aus, als hätte sich ein mit dem Ligalogo versehenes UFO niedergelassen. Von einer Bühne dröhnen schon am frühen Nachmittag laute Hip-Hop-Beats, die Kabinen am Riesenrad neben dem Park tragen die Farben der 32 Teams.

Auf einem nahen Wolkenkratzer prangt über mehr als 20 Stockwerke das Bild der Vince-Lombardi-Trophäe, die der Sieger des Finals zwischen den New England Patriots mit Quarterback-Superstar Tom Brady und den Los Angeles Rams erhalten wird. Im Park stehen Fans minutenlang an, um sich mit einer überlebensgroßen Version dieses Silberpokals fotografieren zu lassen.

«Der Vibe ist fast so wie 1996», erinnert sich Darryl, der sich selbst stolz als «geboren und aufgewachsen in Atlanta» beschreibt, mit Blick auf den Centennial Olympic Park an die damaligen Spiele in seiner Stadt. «Nur das hier ist alles noch viel größer.»

Das Ballyhoo um das größte Einzelsportevent der Welt lässt sich gut wenige Meter weiter im Untergeschoss des nahen Georgia World Congress Centers erfassen, das in Sichtweite zum Finalschauplatz Mercedes-Benz Stadium liegt. Im Medienzentrum senden dort die Sportkanäle eine Woche lang in Dauerschleife aus Studioaufbauten, die eine derartige selbstbewusste Breitbeinigkeit ausstrahlen, dass sich Beobachter unweigerlich an eine Simpsons-Folge erinnert fühlen könnten. In dieser Episode fährt ein Truck von Fox News durchs Bild und kündigt sich selbst mit den Klängen von «We are the Champions» an. Zum Super Bowl schalten alleine in den USA rund 100 Millionen Zuschauer ein.

Auch Tage vor dem Showdown werden Shuttlebusse von Polizeimotorrädern durch den dichten Stadtverkehr eskortiert. Im Nobelhotel der Rams patrouillieren schwer bewaffnete Einheiten der Luft- und Marineeinheit des Zoll- und Grenzschutzes. Dröhnende Hubschrauber gehören wie zahllose Spürhunde zum Alltagsbild. «Einen Event wie den Super Bowl zu schützen, ist keine einfache Aufgabe», sagt Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen. Und in Atlanta eine mit Vergangenheit: Bei den Sommerspielen 1996 starben nach einem Bombenanschlag im Centennial Olympic Park zwei Menschen, mehr als hundert wurden verletzt.

In Sichtweite zum damaligen Anschlagsort liegt auch das Firmenmuseum des in Atlanta ansässigen Getränkegiganten Coca-Cola. Ironischerweise ist dessen größter Kontrahent Pepsi offizieller NFL-Sponsor und kann sich einen Seitenhieb beim Werbespruch nicht verkneifen: «Danke für das Beherbergen. Wir bringen die Drinks mit.» In den vergangenen Jahren spielte alleine die TV-Werbung während des Super Bowls mehr als 400 Millionen US-Dollar ein. Den positivsten Schätzungen zufolge beläuft sich auf diese Summe auch der mögliche Gewinn für die Gastgeberstadt, Pessimisten sehen dagegen gar kein Plus.

Die Blase Super Bowl verlassen die Fans, die den knapp halbstündigen Fußmarsch vom Stadion zum Geburtshaus des Bürgerrechtlers Martin Luther King auf sich nehmen. Dort erinnern nur noch vereinzelte Fahnen an Straßenlaternen an das große Spiel.

Noch weiter östlich in den Vorgärten der gehobenen Mittelschicht finden sich kaum Devotionalien des örtlichen NFL-Clubs Atlanta Falcons, sondern vielmehr reichlich Flaggen von Atlanta United. 53.000 Zuschauer besuchten vergangene Saison jedes Heimspiel des Fußballclubs, der erst 2017 in die Profiliga MLS gekommen ist.

Der Zuspruch ist damit mehr als doppelt so hoch wie bei fast allen anderen Vereinen der Liga. Die Stadt Atlanta besitzt einen hohen Anteil von Immigranten und Zugezogenen, die unter anderen für die Beliebtheit von Soccer sorgen. Die United-Profis, darunter auch der Franke Julian Gressel, bekommen vom Super-Bowl-Trubel allerdings nichts mehr direkt mit: Am Freitagfrüh stand der Abflug ins Trainingslager nach Los Angeles an.

Fotocredits: David Goldman
(dpa)

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